Bei der Neu­ral­the­ra­pie wer­den Lokal­an­äs­the­tika wie Pro­cain oder Lido­cain gezielt in die Haut oder andere Gewe­be­struk­tu­ren inji­ziert. Die Methode wird vor allem bei Schmer­zen ein­ge­setzt. Unter dem Begriff wer­den aller­dings unter­schied­li­che Ver­fah­ren zusam­men­ge­fasst: von loka­len Injek­tio­nen und ober­fläch­li­chen Quad­de­lun­gen bis zur klas­si­schen Neu­ral­the­ra­pie nach Huneke mit ihrem his­to­ri­schen Kon­zept soge­nann­ter Stör­fel­der.

Ent­wi­ckelt wurde die Neu­ral­the­ra­pie in der ers­ten Hälfte des 20. Jahr­hun­derts von den deut­schen Ärz­ten Fer­di­nand und Wal­ter Huneke. Aus ihren Beob­ach­tun­gen ent­stand ein The­ra­pie­kon­zept, das ins­be­son­dere dem vege­ta­ti­ven Ner­ven­sys­tem eine wich­tige Rolle zuschreibt.

Für eine sach­li­che Bewer­tung müs­sen dabei zwei Dinge getrennt wer­den: Die phar­ma­ko­lo­gi­sche Wir­kung von Lokal­an­äs­the­tika ist gut bekannt. Für die Neu­ral­the­ra­pie als Behand­lungs­kon­zept exis­tie­ren zudem kli­ni­sche Unter­su­chun­gen mit teil­weise posi­ti­ven Ergeb­nis­sen, die Stu­di­en­lage ist jedoch je nach Anwen­dungs­ge­biet begrenzt. His­to­ri­sche Erklä­rungs­mo­delle wie die Stör­feld­theo­rie sind davon noch­mals zu unter­schei­den.


Was ist Neu­ral­the­ra­pie?

Der Begriff Neu­ral­the­ra­pie bezeich­net unter­schied­li­che Injek­ti­ons­ver­fah­ren, bei denen ört­lich wir­kende Betäu­bungs­mit­tel ein­ge­setzt wer­den. Häu­fig han­delt es sich dabei um Pro­cain, teil­weise wird auch Lido­cain ver­wen­det.

Lokal­an­äs­the­tika unter­bre­chen vor­über­ge­hend die Wei­ter­lei­tung elek­tri­scher Signale in Ner­ven. Dadurch lässt sich ihre unmit­tel­bare schmerz­lin­dernde Wir­kung medi­zi­nisch erklä­ren.

Die Neu­ral­the­ra­pie nach Huneke geht dar­über hin­aus. Ihr liegt die Vor­stel­lung zugrunde, durch gezielte Injek­tio­nen bestimmte Regel­kreise des vege­ta­ti­ven Ner­ven­sys­tems beein­flus­sen zu kön­nen. Befür­wor­ter der Methode neh­men an, dass dadurch län­ger anhal­tende Effekte mög­lich seien, die über die Dauer der ört­li­chen Betäu­bung hin­aus­ge­hen.

Ob dar­über hin­aus län­ger anhal­tende the­ra­peu­ti­sche Wir­kun­gen erzielt wer­den, ist Gegen­stand wis­sen­schaft­li­cher Unter­su­chun­gen. Ein­zelne kli­ni­sche Stu­dien berich­ten posi­tive Ergeb­nisse; dar­aus lässt sich bis­lang jedoch keine all­ge­meine Wirk­sam­keit für die zahl­rei­chen Ein­satz­ge­biete ablei­ten, für die Neu­ral­the­ra­pie ange­bo­ten wird.

Woher kommt die Neu­ral­the­ra­pie nach Huneke?

Die Geschichte der Neu­ral­the­ra­pie ist eng mit den Brü­dern Fer­di­nand und Wal­ter Huneke ver­bun­den.

Fer­di­nand Huneke beob­ach­tete in den 1920er-Jah­ren nach der Injek­tion eines pro­cain­hal­ti­gen Prä­pa­rats eine uner­war­tete Bes­se­rung bei einer Pati­en­tin. Gemein­sam mit sei­nem Bru­der ent­wi­ckelte er dar­aus zunächst die soge­nannte Seg­ment­the­ra­pie.

Spä­ter ent­stand die Theo­rie der „Stör­fel­der“. Bekannt wurde dabei das von Huneke beschrie­bene „Sekun­den­phä­no­men“: Beschwer­den an einer Kör­per­stelle sol­len sich nach der Injek­tion an einem räum­lich ent­fern­ten ver­meint­li­chen Stör­feld inner­halb sehr kur­zer Zeit bes­sern kön­nen.

Diese Beob­ach­tun­gen bil­den einen wesent­li­chen Teil des his­to­ri­schen Kon­zepts der Neu­ral­the­ra­pie. Das Stör­feld­mo­dell ist jedoch wis­sen­schaft­lich umstrit­ten und sollte nicht mit einem nach­ge­wie­se­nen phy­sio­lo­gi­schen Mecha­nis­mus ver­wech­selt wer­den.

Wel­che For­men der Neu­ral­the­ra­pie gibt es?

Unter dem Begriff Neu­ral­the­ra­pie wer­den ver­schie­dene Vor­ge­hens­wei­sen zusam­men­ge­fasst. Beson­ders häu­fig wer­den Seg­ment­the­ra­pie, lokale Behand­lung und Stör­feld­the­ra­pie untersch­i­den.

Lokale Neu­ral­the­ra­pie

Bei einer loka­len Behand­lung wird das Lokal­an­äs­the­ti­kum in die Umge­bung einer schmerz­haf­ten oder auf­fäl­li­gen Kör­per­re­gion inji­ziert.

Dabei kann bei­spiels­weise die unmit­tel­bare Wir­kung des ört­li­chen Betäu­bungs­mit­tels genutzt wer­den. Sol­che loka­len Injek­tio­nen sind von der wei­ter­ge­hen­den Stör­feld­theo­rie zu unter­schei­den.

Seg­ment­the­ra­pie

Die Seg­ment­the­ra­pie beruht auf der Vor­stel­lung, dass bestimmte Berei­che der Haut, Mus­ku­la­tur und inne­ren Organe über Ner­ven­bah­nen mit­ein­an­der ver­bun­den sind.

Das Lokal­an­äs­the­ti­kum wird dabei häu­fig ober­fläch­lich in die Haut inji­ziert. Es ent­ste­hen kleine Hauter­he­bun­gen, soge­nannte Quad­deln. Daher wird in die­sem Zusam­men­hang auch von „Quad­deln“ oder „Quad­del­the­ra­pie“ gespro­chen.

Ziel ist nach dem Kon­zept der Neu­ral­the­ra­pie, über diese Reize Vor­gänge inner­halb eines Kör­per­seg­ments zu beein­flus­sen.

Stör­feld­the­ra­pie

Die Stör­feld­the­ra­pie ist der cha­rak­te­ris­tischste, gleich­zei­tig aber auch wis­sen­schaft­lich umstrit­tenste Teil der Neu­ral­the­ra­pie nach Huneke.

Nach die­ser Vor­stel­lung kön­nen chro­ni­sche Ent­zün­dun­gen, Nar­ben, frü­here Ver­let­zun­gen oder andere Ver­än­de­run­gen als soge­nannte Stör­fel­der wir­ken. Diese sol­len über das Ner­ven­sys­tem Beschwer­den in ande­ren Kör­per­re­gio­nen ver­ur­sa­chen oder auf­recht­erhal­ten kön­nen.

Als mög­li­che Stör­fel­der wer­den in der Neu­ral­the­ra­pie bei­spiels­weise Nar­ben, der Zahn- und Kie­fer­be­reich, die Man­deln oder Nasen­ne­ben­höh­len betrach­tet.

Für die Exis­tenz sol­cher Stör­fel­der als all­ge­mei­nes Krank­heits­prin­zip gibt es bis­lang kei­nen hin­rei­chen­den wis­sen­schaft­li­chen Nach­weis.

Was ist Pro­cain?

Pro­cain ist ein Lokal­an­äs­the­ti­kum und wurde bereits Anfang des 20. Jahr­hun­derts ent­wi­ckelt. Seine Auf­gabe besteht zunächst darin, die Erre­gungs­lei­tung von Ner­ven vor­über­ge­hend zu blo­ckie­ren und damit die Wahr­neh­mung von Schmer­zen in einem begrenz­ten Gebiet zu redu­zie­ren.

Im Ver­gleich zu man­chen ande­ren Lokal­an­äs­the­tika wird Pro­cain im Kör­per rela­tiv schnell abge­baut.

In der Neu­ral­the­ra­pie wird Pro­cain jedoch nicht aus­schließ­lich wegen sei­ner ört­lich betäu­ben­den Wir­kung ein­ge­setzt. Ver­tre­ter der Methode schrei­ben ihm wei­tere Effekte auf das vege­ta­tive Ner­ven­sys­tem und Regu­la­ti­ons­vor­gänge des Kör­pers zu.

Hier muss zwi­schen der bekann­ten phar­ma­ko­lo­gi­schen Wir­kung eines Lokal­an­äs­the­ti­kums und wei­ter­ge­hen­den Annah­men der Neu­ral­the­ra­pie unter­schie­den wer­den.

Bei wel­chen Beschwer­den wird Neu­ral­the­ra­pie ein­ge­setzt?

Neu­ral­the­ra­pie wird in der Pra­xis vor allem im Zusam­men­hang mit Schmer­zen ange­bo­ten.

Zu den häu­fig genann­ten Ein­satz­ge­bie­ten gehö­ren unter ande­rem:

  • Rücken­schmer­zen
  • Nacken- und Schul­ter­schmer­zen
  • Gelenk­be­schwer­den
  • Mus­kel­be­schwer­den
  • Kopf­schmer­zen und Migräne
  • Ner­ven­schmer­zen
  • Schmer­zen nach Ver­let­zun­gen oder Ope­ra­tio­nen
  • Nar­ben­be­schwer­den
  • bestimmte chro­ni­sche Schmerz­zu­stände

Dar­über hin­aus fin­det man zahl­rei­che wei­tere Anwen­dungs­ge­biete in der neu­ral­the­ra­peu­ti­schen Lite­ra­tur und auf den Sei­ten von Behand­lern.

Aus der Tat­sa­che, dass eine Methode bei einer bestimm­ten Erkran­kung oder Beschwerde ange­wen­det wird, lässt sich aller­dings nicht deri­vei­ren, dass ihre Wirk­sam­keit für diese Indi­ka­tion wis­sen­schaft­lich nach­ge­wie­sen ist.

Gerade bei neu auf­tre­ten­den, star­ken, anhal­ten­den oder unge­klär­ten Beschwer­den sollte zunächst eine medi­zi­ni­sche Abklä­rung erfol­gen.

Wie läuft eine Neu­ral­the­ra­pie ab?

Vor einer Neu­ral­the­ra­pie steht übli­cher­weise eine Ana­mnese. Dabei wer­den aktu­elle Beschwer­den ebenso erfragt wie Vor­er­kran­kun­gen, frü­here Ope­ra­tio­nen und Ver­let­zun­gen, bestehende All­er­gien und ein­ge­nom­mene Medi­ka­mente.

Beson­ders wich­tig sind Infor­ma­tio­nen über gerin­nungs­hem­mende Medi­ka­mente sowie bekannte Unver­träg­lich­kei­ten oder All­er­gien gegen­über Lokal­an­äs­the­tika.

Anschlie­ßend hängt das Vor­ge­hen von der jewei­li­gen Form der Neu­ral­the­ra­pie ab.

Bei einer ober­fläch­li­chen Seg­ment­be­hand­lung kön­nen bei­spiels­weise meh­rere kleine Injek­tio­nen in die Haut gesetzt wer­den. Bei ande­ren Ver­fah­ren erfolgt die Injek­tion gezielt an schmerz­haf­ten Punk­ten, Nar­ben oder ande­ren ana­to­mi­schen Struk­tu­ren.

Wie viele Behand­lun­gen vor­ge­nom­men wer­den, lässt sich nicht all­ge­mein fest­le­gen. Das hängt unter ande­rem vom Behand­lungs­an­satz, der Art der Beschwer­den und dem indi­vi­du­el­len Ver­lauf ab.

Tut Neu­ral­the­ra­pie weh?

Da bei der Neu­ral­the­ra­pie eine Nadel ver­wen­det wird, ist der Ein­stich grund­sätz­lich spür­bar. Bei ober­fläch­li­chen Injek­tio­nen kann außer­dem vor­über­ge­hend ein Bren­nen oder Druck­ge­fühl ent­ste­hen.

Die indi­vi­du­elle Wahr­neh­mung unter­schei­det sich aller­dings erheb­lich.

Nach einer Injek­tion kön­nen an der Ein­stich­stelle klei­nere Blut­ergüsse, Rötun­gen oder lokale Beschwer­den auf­tre­ten.

Was sagt die For­schung zur Neu­ral­the­ra­pie?

Die wis­sen­schaft­li­che Bewer­tung der Neu­ral­the­ra­pie ist kom­ple­xer als ein ein­fa­ches „wirkt“ oder „wirkt nicht“. Einer­seits sind die Wir­kun­gen von Lokal­an­äs­the­tika auf die Erre­gungs­lei­tung von Ner­ven phar­ma­ko­lo­gisch eta­bliert. Ande­rer­seits unter­sucht die Neu­ral­the­ra­pie mög­li­che the­ra­peu­ti­sche Effekte, die über die unmit­tel­bare Dauer der loka­len Betäu­bung hin­aus­rei­chen sol­len.

Ein 2023 ver­öf­fent­lich­ter sys­te­ma­ti­scher Sco­ping Review unter­suchte die the­ra­peu­ti­sche Anwen­dung nied­rig dosier­ter Lokal­an­äs­the­tika. Er bezog 129 Arbei­ten ein, dar­un­ter 49 kli­ni­sche Stu­dien, 71 Beob­ach­tungs­stu­dien und neun sys­te­ma­ti­sche Reviews. Am häu­figs­ten ging es um chro­ni­sche Schmer­zen. Die Autoren berich­ten ins­ge­samt güns­tige Ergeb­nisse in Tei­len der aus­ge­wer­te­ten Lite­ra­tur, wei­sen aber zugleich dar­auf hin, dass grö­ßere, metho­disch hoch­wer­tige ran­do­mi­sierte Stu­dien und Lang­zeit­un­ter­su­chun­gen not­wen­dig sind. Ein Sco­ping Review kar­tiert zudem ein For­schungs­feld und ist nicht mit einem Wirk­sam­keits­nach­weis für jede ein­zelne Form der Neu­ral­the­ra­pie gleich­zu­set­zen.

Chro­ni­sche Rücken­schmer­zen

Eine 2021 in der Fach­zeit­schrift Spine ver­öf­fent­lichte ran­do­mi­sierte kli­ni­sche Stu­die unter­suchte Neu­ral­the­ra­pie bei Pati­en­ten mit chro­ni­schen Rücken­schmer­zen, die auf kon­ser­va­tive Behand­lun­gen nicht aus­rei­chend ange­spro­chen hat­ten. Die Stu­die umfasste 50 Pati­en­ten und berich­tete bei den mit Neu­ral­the­ra­pie behan­del­ten Teil­neh­mern bes­sere Ergeb­nisse für Schmerz und funk­tio­nelle Ein­schrän­kun­gen als in der Ver­gleichs­gruppe. Wegen der klei­nen Teil­neh­mer­zahl und des spe­zi­el­len Pati­en­ten­kol­lek­tivs lässt sich dar­aus jedoch keine all­ge­meine Aus­sage für Rücken­schmer­zen able­sen.

Myo­fas­ziale Schmer­zen

Eine ran­do­mi­sierte kon­trol­lierte Stu­die mit 104 Pati­en­ten ver­glich bei aku­tem myo­fas­zia­lem Schmerz­syn­drom im Hals­be­reich Kine­sio-Taping, Trig­ger­punkt­in­jek­tio­nen und Neu­ral­the­ra­pie. In allen drei Grup­pen ver­bes­ser­ten sich Schmerz und funk­tio­nelle Ein­schrän­kun­gen. Zwi­schen den Grup­pen fan­den die Autoren bei die­sen End­punk­ten keine signi­fi­kan­ten Unter­schiede. Bei der Druck­schmerz­schwelle zeig­ten die bei­den Injek­ti­ons­grup­pen stär­kere Ver­än­de­run­gen als die Taping-Gruppe. Auch die­ses Ergeb­nis belegt daher keine gene­relle Über­le­gen­heit der Neu­ral­the­ra­pie.

Chro­ni­sche Schmer­zen in einer Lang­zeit­be­ob­ach­tung

Eine 2015 ver­öf­fent­lichte Fall­se­rie beob­ach­tete 280 über­wie­sene Pati­en­ten mit chro­ni­schen, zuvor the­ra­pie­re­sis­ten­ten Schmer­zen über ein Jahr. Viele Teil­neh­mer berich­te­ten Ver­bes­se­run­gen und einen gerin­ge­ren Bedarf an Schmerz­mit­teln. Die Unter­su­chung hatte jedoch keine ran­do­mi­sierte Kon­troll­gruppe. Die Autoren hiel­ten des­halb aus­drück­lich fest, dass sich der spe­zi­fi­sche Anteil der Neu­ral­the­ra­pie an den beob­ach­te­ten Ergeb­nis­sen mit die­sem Stu­di­en­de­sign nicht bestim­men lässt.

Wie sind diese Ergeb­nisse ein­zu­ord­nen?

Es exis­tiert somit kli­ni­sche For­schung zur Neu­ral­the­ra­pie und zur the­ra­peu­ti­schen Anwen­dung nied­rig dosier­ter Lokal­an­äs­the­tika. Einige Stu­dien lie­fern posi­tive Signale, ins­be­son­dere im Bereich von Schmerz­er­kran­kun­gen. Gleich­zei­tig unter­schei­den sich Ver­fah­ren, Pati­en­ten­grup­pen, Ver­gleichs­be­hand­lun­gen und End­punkte erheb­lich. Meh­rere Unter­su­chun­gen sind klein oder beob­ach­tend ange­legt.

Die vor­han­de­nen Daten recht­fer­ti­gen des­halb weder die Aus­sage, Neu­ral­the­ra­pie sei grund­sätz­lich wir­kungs­los, noch die Behaup­tung einer all­ge­mein nach­ge­wie­se­nen Wirk­sam­keit. Für ein­zelne Indi­ka­tio­nen sind wei­tere grö­ßere und unab­hän­gige ran­do­mi­sierte Stu­dien erfor­der­lich.

Davon getrennt zu betrach­ten ist die klas­si­sche Stör­feld­theo­rie nach Huneke. Posi­tive Ergeb­nisse einer loka­len oder seg­men­ta­len Behand­lung mit Lokal­an­äs­the­tika bestä­ti­gen nicht auto­ma­tisch die Annahme, dass bei­spiels­weise eine Narbe als ent­fern­tes Stör­feld für Beschwer­den an einer ande­ren Kör­per­stelle ver­ant­wort­lich ist.

Wel­che Risi­ken und Neben­wir­kun­gen hat Neu­ral­the­ra­pie?

Neu­ral­the­ra­pie ist ein Injek­ti­ons­ver­fah­ren und des­halb nicht grund­sätz­lich risi­ko­frei.

Zu den mög­li­chen uner­wünsch­ten Wir­kun­gen gehö­ren unter ande­rem:

  • Schmer­zen an der Ein­stich­stelle
  • klei­nere Blu­tun­gen und Blut­ergüsse
  • Schwel­lun­gen oder lokale Reak­tio­nen
  • Kreis­lauf­re­ak­tio­nen
  • Schwin­del
  • all­er­gi­sche Reak­tio­nen auf das ver­wen­dete Mit­tel
  • Infek­tio­nen an der Ein­stich­stelle

Dar­über hin­aus hängt das Risiko wesent­lich davon ab, wo und wie tief inji­ziert wird.

Bei unsach­ge­mäß aus­ge­führ­ten Injek­tio­nen kön­nen bei­spiels­weise Ner­ven, Gefäße oder andere ana­to­mi­sche Struk­tu­ren ver­letzt wer­den. Bei bestimm­ten Injek­ti­ons­or­ten sind ent­spre­chend schwer­wie­gen­dere Kom­pli­ka­tio­nen mög­lich.

Die Risi­ken einer ober­fläch­li­chen Quad­de­lung sind daher nicht ohne Wei­te­res mit denen tie­fe­rer Injek­tio­nen gleich­zu­set­zen.

Wann kommt Neu­ral­the­ra­pie nicht infrage?

Ob eine Neu­ral­the­ra­pie im Ein­zel­fall durch­ge­führt wer­den kann, muss vor der Behand­lung geklärt wer­den.

Beson­dere Vor­sicht bezie­hungs­weise Gegen­an­zei­gen kön­nen bei­spiels­weise bestehen bei:

  • bekann­ter All­er­gie gegen das ver­wen­dete Lokal­an­äs­the­ti­kum
  • erhöh­ter Blu­tungs­nei­gung
  • Ein­nahme bestimm­ter gerin­nungs­hem­men­der Medi­ka­mente
  • Infek­tio­nen oder Ent­zün­dun­gen im Bereich der geplan­ten Ein­stich­stelle
  • bestimm­ten schwe­ren Erkran­kun­gen oder aku­ten gesund­heit­li­chen Situa­tio­nen

Wel­che Risi­ken tat­säch­lich bestehen, hängt unter ande­rem vom ver­wen­de­ten Arz­nei­mit­tel, der Injek­ti­ons­art und der jewei­li­gen gesund­heit­li­chen Situa­tion ab.

Die voll­stän­dige Medi­ka­men­ten­liste und rele­vante Vor­er­kran­kun­gen soll­ten des­halb vor einer Behand­lung ange­ge­ben wer­den.

Neu­ral­the­ra­pie bei Nar­ben: Was bedeu­tet „Stör­feld“?

Nar­ben spie­len in der Neu­ral­the­ra­pie eine beson­dere Rolle.

Nach dem Stör­feld­kon­zept kön­nen Nar­ben unab­hän­gig von ihrer Größe oder ihrem Alter Ein­fluss auf Beschwer­den an ande­ren Stel­len des Kör­pers neh­men. In der Neu­ral­the­ra­pie kann des­halb Pro­cain in oder um eine Narbe inji­ziert wer­den.

Diese Vor­stel­lung ist vom nor­ma­len medi­zi­ni­schen Umgang mit tat­säch­lich schmerz­haf­ten oder funk­tio­nell beein­träch­ti­gen­den Nar­ben zu unter­schei­den.

Dass Nar­ben bei­spiels­weise selbst Schmer­zen ver­ur­sa­chen oder Ner­ven beein­träch­ti­gen kön­nen, ist medi­zi­nisch nach­voll­zieh­bar. Die wei­ter­ge­hende Annahme, eine Narbe könne als „Stör­feld“ unter­schied­lichste ent­fernte Beschwer­den ver­ur­sa­chen, ist dage­gen wis­sen­schaft­lich nicht aus­rei­chend belegt.

Was ist das Sekun­den­phä­no­men nach Huneke?

Das soge­nannte Sekun­den­phä­no­men gehört zu den bekann­tes­ten Begrif­fen der klas­si­schen Neu­ral­the­ra­pie.

Huneke beschrieb damit eine plötz­lich ein­tre­tende Bes­se­rung von Beschwer­den nach der Injek­tion eines Lokal­an­äs­the­ti­kums in ein ver­mu­te­tes Stör­feld. Cha­rak­te­ris­tisch für die Theo­rie ist, dass Stör­feld und Ort der Beschwer­den räum­lich von­ein­an­der ent­fernt sein kön­nen.

Inner­halb der Neu­ral­the­ra­pie wurde die­ses Phä­no­men als Hin­weis auf einen Zusam­men­hang zwi­schen Stör­feld und Beschwer­den inter­pre­tiert.

Das Sekun­den­phä­no­men gehört zur his­to­ri­schen und theo­re­ti­schen Grund­lage der Methode, stellt aber kei­nen all­ge­mein aner­kann­ten wis­sen­schaft­li­chen Nach­weis für das Stör­feld­kon­zept dar.

Was kos­tet Neu­ral­the­ra­pie?

Die Kos­ten einer Neu­ral­the­ra­pie sind nicht ein­heit­lich fest­ge­legt. Sie hän­gen unter ande­rem vom Umfang der Ana­mnese, der Art und Anzahl der Injek­tio­nen, dem Behand­lungs­auf­wand und der Abrech­nung der jewei­li­gen Pra­xis ab.

Als grobe Ori­en­tie­rung wer­den für ein­zelne Anwen­dun­gen häu­fig Beträge im Bereich eini­ger zehn Euro genannt. Bei einer aus­führ­li­che­ren Unter­su­chung oder meh­re­ren Injek­tio­nen kön­nen die Gesamt­kos­ten ent­spre­chend höher lie­gen.

Vor Beginn einer Behand­lung sollte des­halb geklärt wer­den:

  • wel­che Kos­ten pro Ter­min ent­ste­hen,
  • wel­che zusätz­li­chen Leis­tun­gen berech­net wer­den,
  • wie viele Ter­mine vor­aus­sicht­lich vor­ge­se­hen sind und
  • ob eine Kran­ken­ver­si­che­rung mög­li­cher­weise Kos­ten über­nimmt.

Ein kon­kre­ter Behand­lungs­plan kann nicht allein aus all­ge­mei­nen Preis­an­ga­ben im Inter­net abge­lei­tet wer­den.

Zahlt die Kran­ken­kasse Neu­ral­the­ra­pie?

Eine pau­schale Ant­wort ist nicht mög­lich.

Ob und unter wel­chen Vor­aus­set­zun­gen Kos­ten über­nom­men wer­den, hängt unter ande­rem von der Kran­ken­kasse, dem Ver­si­che­rungs­ver­trag, der kon­kre­ten Behand­lung und davon ab, wer sie durch­führt.

Bei gesetz­li­chen Kran­ken­kas­sen gehört eine heil­prak­ti­sche Behand­lung grund­sätz­lich nicht auto­ma­tisch zum regu­lä­ren Leis­tungs­ka­ta­log. Ein­zelne Sat­zungs- oder Zusatz­leis­tun­gen kön­nen davon abwei­chen.

Pri­vate Kran­ken­ver­si­che­run­gen und Heil­prak­ti­ker-Zusatz­ver­si­che­run­gen kön­nen je nach Tarif Leis­tun­gen erstat­ten. Ent­schei­dend sind die jewei­li­gen Ver­si­che­rungs­be­din­gun­gen.

Wer eine Kos­ten­über­nahme erwar­tet, sollte des­halb vor Beginn der Behand­lung direkt bei sei­ner Kran­ken­ver­si­che­rung nach­fra­gen und sich die Bedin­gun­gen mög­lichst schrift­lich bestä­ti­gen las­sen.

Neu­ral­the­ra­pie beim Heil­prak­ti­ker oder Arzt – gibt es Unter­schiede?

Neu­ral­the­ra­pie wird in Deutsch­land sowohl von ent­spre­chend täti­gen Ärz­ten als auch von Heil­prak­ti­kern ange­bo­ten.

Die Berufs­grup­pen unter­schei­den sich aller­dings hin­sicht­lich ihrer Aus­bil­dung, ihrer berufs­recht­li­chen Stel­lung und der Mög­lich­kei­ten, bestimmte medi­zi­ni­sche Maß­nah­men oder Arz­nei­mit­tel ein­zu­set­zen.

Der Begriff „Neu­ral­the­ra­peut“ allein ist des­halb kein aus­rei­chen­der Hin­weis auf die medi­zi­ni­sche Grund­qua­li­fi­ka­tion eines Anbie­ters.

Bei einem Injek­ti­ons­ver­fah­ren sind ins­be­son­dere Kennt­nisse der Ana­to­mie, Hygiene, Injek­ti­ons­tech­nik, Arz­nei­mit­tel­wir­kun­gen, Gegen­an­zei­gen und der Behand­lung mög­li­cher Kom­pli­ka­tio­nen von Bedeu­tung.

Eine Über­sicht von Heil­prak­ti­kern, die Neu­ral­the­ra­pie als Methode in ihrem Pro­fil ange­ge­ben haben, fin­det sich in unse­rem Ver­zeich­nis für Neu­ral­the­ra­pie. Die Angabe einer Methode im Pro­fil ist dabei nicht mit einer Aus­sage über deren Wirk­sam­keit oder einer indi­vi­du­el­len Behand­lungs­emp­feh­lung ver­bun­den.

Neu­ral­the­ra­pie und klas­si­sche Schmerz­the­ra­pie sind nicht das­selbe

Neu­ral­the­ra­pie sollte nicht pau­schal mit medi­zi­ni­schen Ner­ven­blo­cka­den oder ande­ren Ver­fah­ren der inter­ven­tio­nel­len Schmerz­me­di­zin gleich­ge­setzt wer­den.

Auch wenn dabei jeweils Lokal­an­äs­the­tika ein­ge­setzt wer­den kön­nen, unter­schei­den sich Indi­ka­tion, Ziel­set­zung, Injek­ti­ons­ort und zugrunde lie­gen­des Behand­lungs­kon­zept. Bei einer Ner­ven­blo­ckade wird die Erre­gungs­lei­tung eines bestimm­ten Nervs oder Ner­ven­ge­biets gezielt und vor­über­ge­hend unter­bro­chen. Die Neu­ral­the­ra­pie umfasst dage­gen unter­schied­li­che lokale, seg­men­tale und – im klas­si­schen Kon­zept nach Huneke – soge­nannte stör­feld­be­zo­gene Anwen­dun­gen.

Der gemein­same Ein­satz eines Lokal­an­äs­the­ti­kums macht die Ver­fah­ren daher nicht auto­ma­tisch zu der­sel­ben The­ra­pie.

Häu­fige Fra­gen zur Neu­ral­the­ra­pie (FAQ)

Was wird bei der Neu­ral­the­ra­pie gespritzt?

Häu­fig wird Pro­cain ver­wen­det. Auch andere Lokal­an­äs­the­tika wie Lido­cain kön­nen zum Ein­satz kom­men. Wel­che Sub­stanz ver­wen­det wer­den darf und medi­zi­nisch geeig­net ist, muss im kon­kre­ten Fall beur­teilt wer­den.

Was bedeu­tet Quad­deln bei der Neu­ral­the­ra­pie?

Beim Quad­deln wer­den kleine Men­gen eines Mit­tels ober­fläch­lich in die Haut gespritzt. Dadurch ent­ste­hen vor­über­ge­hend kleine sicht- oder tast­bare Erhe­bun­gen, die als Quad­deln bezeich­net wer­den.

Ist Neu­ral­the­ra­pie das­selbe wie Pro­cain­the­ra­pie?

Nicht ganz. Pro­cain wird häu­fig in der Neu­ral­the­ra­pie ein­ge­setzt, Neu­ral­the­ra­pie bezeich­net jedoch das zugrunde lie­gende Behand­lungs­kon­zept und ver­schie­dene Injek­ti­ons­ver­fah­ren. Nicht jede medi­zi­ni­sche Anwen­dung von Pro­cain ist auto­ma­tisch Neu­ral­the­ra­pie nach Huneke.

Was ist Stör­feld­the­ra­pie?

Die Stör­feld­the­ra­pie beruht auf der Annahme, dass bestimmte Kör­per­be­rei­che wie Nar­ben oder chro­nisch ver­än­derte Gewebe Beschwer­den an ande­ren Stel­len beein­flus­sen kön­nen. Die­ses Kon­zept gehört zur Neu­ral­the­ra­pie nach Huneke, ist wis­sen­schaft­lich aber nicht aus­rei­chend belegt.

Ist Neu­ral­the­ra­pie wis­sen­schaft­lich aner­kannt?

Die phar­ma­ko­lo­gi­sche Wir­kung ver­wen­de­ter Lokal­an­äs­the­tika ist bekannt. Für die wei­ter­ge­hen­den Kon­zepte der Neu­ral­the­ra­pie nach Huneke, ins­be­son­dere die Stör­feld­theo­rie und dar­aus abge­lei­tete Fern­wir­kun­gen, fehlt bis­lang ein aus­rei­chen­der Wirk­sam­keits­nach­weis nach den Maß­stä­ben der evi­denz­ba­sier­ten Medi­zin.

Ist Neu­ral­the­ra­pie gefähr­lich?

Wie bei ande­ren Injek­tio­nen bestehen Risi­ken. Ober­fläch­li­che Injek­tio­nen kön­nen bei­spiels­weise Blut­ergüsse oder lokale Reak­tio­nen ver­ur­sa­chen. Je nach Injek­ti­ons­ort und ‑tiefe sind auch erns­tere Kom­pli­ka­tio­nen mög­lich. Hinzu kom­men mög­li­che uner­wünschte Wir­kun­gen oder all­er­gi­sche Reak­tio­nen auf das ver­wen­dete Arz­nei­mit­tel.

Wie viele Sit­zun­gen sind bei einer Neu­ral­the­ra­pie not­wen­dig?

Dafür gibt es keine all­ge­mein­gül­tige Zahl. Umfang und Dauer hän­gen vom jewei­li­gen Behand­lungs­kon­zept und der indi­vi­du­el­len Situa­tion ab. Eine fest­ge­legte Anzahl von Sit­zun­gen lässt sich aus der Dia­gnose allein nicht seriös deri­vei­ren.

Kann Neu­ral­the­ra­pie eine ärzt­li­che Behand­lung erset­zen?

Bei behand­lungs­be­dürf­ti­gen Erkran­kun­gen oder unge­klär­ten Beschwer­den sollte Neu­ral­the­ra­pie nicht dazu füh­ren, not­wen­dige Dia­gnos­tik oder eine medi­zi­nisch erfor­der­li­che Behand­lung zu ver­zö­gern oder zu erset­zen.

Fazit

Neu­ral­the­ra­pie ist kein ein­heit­li­ches Ver­fah­ren. Unter dem Begriff wer­den ver­schie­dene Injek­ti­ons­tech­ni­ken zusam­men­ge­fasst, bei denen meist ein Lokal­an­äs­the­ti­kum wie Pro­cain ein­ge­setzt wird.

Ein Teil der beob­ach­te­ten Effekte lässt sich durch die bekannte Wir­kung ört­li­cher Betäu­bungs­mit­tel erklä­ren. Die Neu­ral­the­ra­pie nach Huneke ver­bin­det diese Anwen­dung jedoch mit wei­ter­ge­hen­den Vor­stel­lun­gen über das vege­ta­tive Ner­ven­sys­tem, Kör­per­seg­mente und soge­nannte Stör­fel­der.

Gerade hier ist eine dif­fe­ren­zierte Betrach­tung wich­tig. Zur Neu­ral­the­ra­pie und zur the­ra­peu­ti­schen Anwen­dung nied­rig dosier­ter Lokal­an­äs­the­tika lie­gen kli­ni­sche Unter­su­chun­gen vor, dar­un­ter auch ran­do­mi­sierte Stu­dien. Bei ver­schie­de­nen Schmerz­syn­dro­men wur­den posi­tive Ergeb­nisse berich­tet. Die Evi­denz ist jedoch hete­ro­gen und für viele Ein­satz­ge­biete noch nicht aus­rei­chend, um eine all­ge­mein gesi­cherte Wirk­sam­keit anzu­neh­men. Das his­to­ri­sche Stör­feld­mo­dell nach Huneke ist zudem nicht gleich­zu­set­zen mit den phar­ma­ko­lo­gisch bekann­ten Wir­kun­gen von Lokal­an­äs­the­tika oder den Ergeb­nis­sen kli­ni­scher Injek­ti­ons­stu­dien.

Wer sich über Neu­ral­the­ra­pie infor­miert, sollte des­halb sowohl mög­li­che Anwen­dun­gen als auch Gren­zen, Risi­ken und den Stand der wis­sen­schaft­li­chen Evi­denz berück­sich­ti­gen.

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