Bei der Neuraltherapie werden Lokalanästhetika wie Procain oder Lidocain gezielt in die Haut oder andere Gewebestrukturen injiziert. Die Methode wird vor allem bei Schmerzen eingesetzt. Unter dem Begriff werden allerdings unterschiedliche Verfahren zusammengefasst: von lokalen Injektionen und oberflächlichen Quaddelungen bis zur klassischen Neuraltherapie nach Huneke mit ihrem historischen Konzept sogenannter Störfelder.
Entwickelt wurde die Neuraltherapie in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts von den deutschen Ärzten Ferdinand und Walter Huneke. Aus ihren Beobachtungen entstand ein Therapiekonzept, das insbesondere dem vegetativen Nervensystem eine wichtige Rolle zuschreibt.
Für eine sachliche Bewertung müssen dabei zwei Dinge getrennt werden: Die pharmakologische Wirkung von Lokalanästhetika ist gut bekannt. Für die Neuraltherapie als Behandlungskonzept existieren zudem klinische Untersuchungen mit teilweise positiven Ergebnissen, die Studienlage ist jedoch je nach Anwendungsgebiet begrenzt. Historische Erklärungsmodelle wie die Störfeldtheorie sind davon nochmals zu unterscheiden.
Was ist Neuraltherapie?
Der Begriff Neuraltherapie bezeichnet unterschiedliche Injektionsverfahren, bei denen örtlich wirkende Betäubungsmittel eingesetzt werden. Häufig handelt es sich dabei um Procain, teilweise wird auch Lidocain verwendet.
Lokalanästhetika unterbrechen vorübergehend die Weiterleitung elektrischer Signale in Nerven. Dadurch lässt sich ihre unmittelbare schmerzlindernde Wirkung medizinisch erklären.
Die Neuraltherapie nach Huneke geht darüber hinaus. Ihr liegt die Vorstellung zugrunde, durch gezielte Injektionen bestimmte Regelkreise des vegetativen Nervensystems beeinflussen zu können. Befürworter der Methode nehmen an, dass dadurch länger anhaltende Effekte möglich seien, die über die Dauer der örtlichen Betäubung hinausgehen.
Ob darüber hinaus länger anhaltende therapeutische Wirkungen erzielt werden, ist Gegenstand wissenschaftlicher Untersuchungen. Einzelne klinische Studien berichten positive Ergebnisse; daraus lässt sich bislang jedoch keine allgemeine Wirksamkeit für die zahlreichen Einsatzgebiete ableiten, für die Neuraltherapie angeboten wird.
Woher kommt die Neuraltherapie nach Huneke?
Die Geschichte der Neuraltherapie ist eng mit den Brüdern Ferdinand und Walter Huneke verbunden.
Ferdinand Huneke beobachtete in den 1920er-Jahren nach der Injektion eines procainhaltigen Präparats eine unerwartete Besserung bei einer Patientin. Gemeinsam mit seinem Bruder entwickelte er daraus zunächst die sogenannte Segmenttherapie.
Später entstand die Theorie der „Störfelder“. Bekannt wurde dabei das von Huneke beschriebene „Sekundenphänomen“: Beschwerden an einer Körperstelle sollen sich nach der Injektion an einem räumlich entfernten vermeintlichen Störfeld innerhalb sehr kurzer Zeit bessern können.
Diese Beobachtungen bilden einen wesentlichen Teil des historischen Konzepts der Neuraltherapie. Das Störfeldmodell ist jedoch wissenschaftlich umstritten und sollte nicht mit einem nachgewiesenen physiologischen Mechanismus verwechselt werden.
Welche Formen der Neuraltherapie gibt es?
Unter dem Begriff Neuraltherapie werden verschiedene Vorgehensweisen zusammengefasst. Besonders häufig werden Segmenttherapie, lokale Behandlung und Störfeldtherapie unterschiden.
Lokale Neuraltherapie
Bei einer lokalen Behandlung wird das Lokalanästhetikum in die Umgebung einer schmerzhaften oder auffälligen Körperregion injiziert.
Dabei kann beispielsweise die unmittelbare Wirkung des örtlichen Betäubungsmittels genutzt werden. Solche lokalen Injektionen sind von der weitergehenden Störfeldtheorie zu unterscheiden.
Segmenttherapie
Die Segmenttherapie beruht auf der Vorstellung, dass bestimmte Bereiche der Haut, Muskulatur und inneren Organe über Nervenbahnen miteinander verbunden sind.
Das Lokalanästhetikum wird dabei häufig oberflächlich in die Haut injiziert. Es entstehen kleine Hauterhebungen, sogenannte Quaddeln. Daher wird in diesem Zusammenhang auch von „Quaddeln“ oder „Quaddeltherapie“ gesprochen.
Ziel ist nach dem Konzept der Neuraltherapie, über diese Reize Vorgänge innerhalb eines Körpersegments zu beeinflussen.
Störfeldtherapie
Die Störfeldtherapie ist der charakteristischste, gleichzeitig aber auch wissenschaftlich umstrittenste Teil der Neuraltherapie nach Huneke.
Nach dieser Vorstellung können chronische Entzündungen, Narben, frühere Verletzungen oder andere Veränderungen als sogenannte Störfelder wirken. Diese sollen über das Nervensystem Beschwerden in anderen Körperregionen verursachen oder aufrechterhalten können.
Als mögliche Störfelder werden in der Neuraltherapie beispielsweise Narben, der Zahn- und Kieferbereich, die Mandeln oder Nasennebenhöhlen betrachtet.
Für die Existenz solcher Störfelder als allgemeines Krankheitsprinzip gibt es bislang keinen hinreichenden wissenschaftlichen Nachweis.
Was ist Procain?
Procain ist ein Lokalanästhetikum und wurde bereits Anfang des 20. Jahrhunderts entwickelt. Seine Aufgabe besteht zunächst darin, die Erregungsleitung von Nerven vorübergehend zu blockieren und damit die Wahrnehmung von Schmerzen in einem begrenzten Gebiet zu reduzieren.
Im Vergleich zu manchen anderen Lokalanästhetika wird Procain im Körper relativ schnell abgebaut.
In der Neuraltherapie wird Procain jedoch nicht ausschließlich wegen seiner örtlich betäubenden Wirkung eingesetzt. Vertreter der Methode schreiben ihm weitere Effekte auf das vegetative Nervensystem und Regulationsvorgänge des Körpers zu.
Hier muss zwischen der bekannten pharmakologischen Wirkung eines Lokalanästhetikums und weitergehenden Annahmen der Neuraltherapie unterschieden werden.
Bei welchen Beschwerden wird Neuraltherapie eingesetzt?
Neuraltherapie wird in der Praxis vor allem im Zusammenhang mit Schmerzen angeboten.
Zu den häufig genannten Einsatzgebieten gehören unter anderem:
- Rückenschmerzen
- Nacken- und Schulterschmerzen
- Gelenkbeschwerden
- Muskelbeschwerden
- Kopfschmerzen und Migräne
- Nervenschmerzen
- Schmerzen nach Verletzungen oder Operationen
- Narbenbeschwerden
- bestimmte chronische Schmerzzustände
Darüber hinaus findet man zahlreiche weitere Anwendungsgebiete in der neuraltherapeutischen Literatur und auf den Seiten von Behandlern.
Aus der Tatsache, dass eine Methode bei einer bestimmten Erkrankung oder Beschwerde angewendet wird, lässt sich allerdings nicht deriveiren, dass ihre Wirksamkeit für diese Indikation wissenschaftlich nachgewiesen ist.
Gerade bei neu auftretenden, starken, anhaltenden oder ungeklärten Beschwerden sollte zunächst eine medizinische Abklärung erfolgen.
Wie läuft eine Neuraltherapie ab?
Vor einer Neuraltherapie steht üblicherweise eine Anamnese. Dabei werden aktuelle Beschwerden ebenso erfragt wie Vorerkrankungen, frühere Operationen und Verletzungen, bestehende Allergien und eingenommene Medikamente.
Besonders wichtig sind Informationen über gerinnungshemmende Medikamente sowie bekannte Unverträglichkeiten oder Allergien gegenüber Lokalanästhetika.
Anschließend hängt das Vorgehen von der jeweiligen Form der Neuraltherapie ab.
Bei einer oberflächlichen Segmentbehandlung können beispielsweise mehrere kleine Injektionen in die Haut gesetzt werden. Bei anderen Verfahren erfolgt die Injektion gezielt an schmerzhaften Punkten, Narben oder anderen anatomischen Strukturen.
Wie viele Behandlungen vorgenommen werden, lässt sich nicht allgemein festlegen. Das hängt unter anderem vom Behandlungsansatz, der Art der Beschwerden und dem individuellen Verlauf ab.
Tut Neuraltherapie weh?
Da bei der Neuraltherapie eine Nadel verwendet wird, ist der Einstich grundsätzlich spürbar. Bei oberflächlichen Injektionen kann außerdem vorübergehend ein Brennen oder Druckgefühl entstehen.
Die individuelle Wahrnehmung unterscheidet sich allerdings erheblich.
Nach einer Injektion können an der Einstichstelle kleinere Blutergüsse, Rötungen oder lokale Beschwerden auftreten.
Was sagt die Forschung zur Neuraltherapie?
Die wissenschaftliche Bewertung der Neuraltherapie ist komplexer als ein einfaches „wirkt“ oder „wirkt nicht“. Einerseits sind die Wirkungen von Lokalanästhetika auf die Erregungsleitung von Nerven pharmakologisch etabliert. Andererseits untersucht die Neuraltherapie mögliche therapeutische Effekte, die über die unmittelbare Dauer der lokalen Betäubung hinausreichen sollen.
Ein 2023 veröffentlichter systematischer Scoping Review untersuchte die therapeutische Anwendung niedrig dosierter Lokalanästhetika. Er bezog 129 Arbeiten ein, darunter 49 klinische Studien, 71 Beobachtungsstudien und neun systematische Reviews. Am häufigsten ging es um chronische Schmerzen. Die Autoren berichten insgesamt günstige Ergebnisse in Teilen der ausgewerteten Literatur, weisen aber zugleich darauf hin, dass größere, methodisch hochwertige randomisierte Studien und Langzeituntersuchungen notwendig sind. Ein Scoping Review kartiert zudem ein Forschungsfeld und ist nicht mit einem Wirksamkeitsnachweis für jede einzelne Form der Neuraltherapie gleichzusetzen.
Chronische Rückenschmerzen
Eine 2021 in der Fachzeitschrift Spine veröffentlichte randomisierte klinische Studie untersuchte Neuraltherapie bei Patienten mit chronischen Rückenschmerzen, die auf konservative Behandlungen nicht ausreichend angesprochen hatten. Die Studie umfasste 50 Patienten und berichtete bei den mit Neuraltherapie behandelten Teilnehmern bessere Ergebnisse für Schmerz und funktionelle Einschränkungen als in der Vergleichsgruppe. Wegen der kleinen Teilnehmerzahl und des speziellen Patientenkollektivs lässt sich daraus jedoch keine allgemeine Aussage für Rückenschmerzen ablesen.
Myofasziale Schmerzen
Eine randomisierte kontrollierte Studie mit 104 Patienten verglich bei akutem myofaszialem Schmerzsyndrom im Halsbereich Kinesio-Taping, Triggerpunktinjektionen und Neuraltherapie. In allen drei Gruppen verbesserten sich Schmerz und funktionelle Einschränkungen. Zwischen den Gruppen fanden die Autoren bei diesen Endpunkten keine signifikanten Unterschiede. Bei der Druckschmerzschwelle zeigten die beiden Injektionsgruppen stärkere Veränderungen als die Taping-Gruppe. Auch dieses Ergebnis belegt daher keine generelle Überlegenheit der Neuraltherapie.
Chronische Schmerzen in einer Langzeitbeobachtung
Eine 2015 veröffentlichte Fallserie beobachtete 280 überwiesene Patienten mit chronischen, zuvor therapieresistenten Schmerzen über ein Jahr. Viele Teilnehmer berichteten Verbesserungen und einen geringeren Bedarf an Schmerzmitteln. Die Untersuchung hatte jedoch keine randomisierte Kontrollgruppe. Die Autoren hielten deshalb ausdrücklich fest, dass sich der spezifische Anteil der Neuraltherapie an den beobachteten Ergebnissen mit diesem Studiendesign nicht bestimmen lässt.
Wie sind diese Ergebnisse einzuordnen?
Es existiert somit klinische Forschung zur Neuraltherapie und zur therapeutischen Anwendung niedrig dosierter Lokalanästhetika. Einige Studien liefern positive Signale, insbesondere im Bereich von Schmerzerkrankungen. Gleichzeitig unterscheiden sich Verfahren, Patientengruppen, Vergleichsbehandlungen und Endpunkte erheblich. Mehrere Untersuchungen sind klein oder beobachtend angelegt.
Die vorhandenen Daten rechtfertigen deshalb weder die Aussage, Neuraltherapie sei grundsätzlich wirkungslos, noch die Behauptung einer allgemein nachgewiesenen Wirksamkeit. Für einzelne Indikationen sind weitere größere und unabhängige randomisierte Studien erforderlich.
Davon getrennt zu betrachten ist die klassische Störfeldtheorie nach Huneke. Positive Ergebnisse einer lokalen oder segmentalen Behandlung mit Lokalanästhetika bestätigen nicht automatisch die Annahme, dass beispielsweise eine Narbe als entferntes Störfeld für Beschwerden an einer anderen Körperstelle verantwortlich ist.
Welche Risiken und Nebenwirkungen hat Neuraltherapie?
Neuraltherapie ist ein Injektionsverfahren und deshalb nicht grundsätzlich risikofrei.
Zu den möglichen unerwünschten Wirkungen gehören unter anderem:
- Schmerzen an der Einstichstelle
- kleinere Blutungen und Blutergüsse
- Schwellungen oder lokale Reaktionen
- Kreislaufreaktionen
- Schwindel
- allergische Reaktionen auf das verwendete Mittel
- Infektionen an der Einstichstelle
Darüber hinaus hängt das Risiko wesentlich davon ab, wo und wie tief injiziert wird.
Bei unsachgemäß ausgeführten Injektionen können beispielsweise Nerven, Gefäße oder andere anatomische Strukturen verletzt werden. Bei bestimmten Injektionsorten sind entsprechend schwerwiegendere Komplikationen möglich.
Die Risiken einer oberflächlichen Quaddelung sind daher nicht ohne Weiteres mit denen tieferer Injektionen gleichzusetzen.
Wann kommt Neuraltherapie nicht infrage?
Ob eine Neuraltherapie im Einzelfall durchgeführt werden kann, muss vor der Behandlung geklärt werden.
Besondere Vorsicht beziehungsweise Gegenanzeigen können beispielsweise bestehen bei:
- bekannter Allergie gegen das verwendete Lokalanästhetikum
- erhöhter Blutungsneigung
- Einnahme bestimmter gerinnungshemmender Medikamente
- Infektionen oder Entzündungen im Bereich der geplanten Einstichstelle
- bestimmten schweren Erkrankungen oder akuten gesundheitlichen Situationen
Welche Risiken tatsächlich bestehen, hängt unter anderem vom verwendeten Arzneimittel, der Injektionsart und der jeweiligen gesundheitlichen Situation ab.
Die vollständige Medikamentenliste und relevante Vorerkrankungen sollten deshalb vor einer Behandlung angegeben werden.
Neuraltherapie bei Narben: Was bedeutet „Störfeld“?
Narben spielen in der Neuraltherapie eine besondere Rolle.
Nach dem Störfeldkonzept können Narben unabhängig von ihrer Größe oder ihrem Alter Einfluss auf Beschwerden an anderen Stellen des Körpers nehmen. In der Neuraltherapie kann deshalb Procain in oder um eine Narbe injiziert werden.
Diese Vorstellung ist vom normalen medizinischen Umgang mit tatsächlich schmerzhaften oder funktionell beeinträchtigenden Narben zu unterscheiden.
Dass Narben beispielsweise selbst Schmerzen verursachen oder Nerven beeinträchtigen können, ist medizinisch nachvollziehbar. Die weitergehende Annahme, eine Narbe könne als „Störfeld“ unterschiedlichste entfernte Beschwerden verursachen, ist dagegen wissenschaftlich nicht ausreichend belegt.
Was ist das Sekundenphänomen nach Huneke?
Das sogenannte Sekundenphänomen gehört zu den bekanntesten Begriffen der klassischen Neuraltherapie.
Huneke beschrieb damit eine plötzlich eintretende Besserung von Beschwerden nach der Injektion eines Lokalanästhetikums in ein vermutetes Störfeld. Charakteristisch für die Theorie ist, dass Störfeld und Ort der Beschwerden räumlich voneinander entfernt sein können.
Innerhalb der Neuraltherapie wurde dieses Phänomen als Hinweis auf einen Zusammenhang zwischen Störfeld und Beschwerden interpretiert.
Das Sekundenphänomen gehört zur historischen und theoretischen Grundlage der Methode, stellt aber keinen allgemein anerkannten wissenschaftlichen Nachweis für das Störfeldkonzept dar.
Was kostet Neuraltherapie?
Die Kosten einer Neuraltherapie sind nicht einheitlich festgelegt. Sie hängen unter anderem vom Umfang der Anamnese, der Art und Anzahl der Injektionen, dem Behandlungsaufwand und der Abrechnung der jeweiligen Praxis ab.
Als grobe Orientierung werden für einzelne Anwendungen häufig Beträge im Bereich einiger zehn Euro genannt. Bei einer ausführlicheren Untersuchung oder mehreren Injektionen können die Gesamtkosten entsprechend höher liegen.
Vor Beginn einer Behandlung sollte deshalb geklärt werden:
- welche Kosten pro Termin entstehen,
- welche zusätzlichen Leistungen berechnet werden,
- wie viele Termine voraussichtlich vorgesehen sind und
- ob eine Krankenversicherung möglicherweise Kosten übernimmt.
Ein konkreter Behandlungsplan kann nicht allein aus allgemeinen Preisangaben im Internet abgeleitet werden.
Zahlt die Krankenkasse Neuraltherapie?
Eine pauschale Antwort ist nicht möglich.
Ob und unter welchen Voraussetzungen Kosten übernommen werden, hängt unter anderem von der Krankenkasse, dem Versicherungsvertrag, der konkreten Behandlung und davon ab, wer sie durchführt.
Bei gesetzlichen Krankenkassen gehört eine heilpraktische Behandlung grundsätzlich nicht automatisch zum regulären Leistungskatalog. Einzelne Satzungs- oder Zusatzleistungen können davon abweichen.
Private Krankenversicherungen und Heilpraktiker-Zusatzversicherungen können je nach Tarif Leistungen erstatten. Entscheidend sind die jeweiligen Versicherungsbedingungen.
Wer eine Kostenübernahme erwartet, sollte deshalb vor Beginn der Behandlung direkt bei seiner Krankenversicherung nachfragen und sich die Bedingungen möglichst schriftlich bestätigen lassen.
Neuraltherapie beim Heilpraktiker oder Arzt – gibt es Unterschiede?
Neuraltherapie wird in Deutschland sowohl von entsprechend tätigen Ärzten als auch von Heilpraktikern angeboten.
Die Berufsgruppen unterscheiden sich allerdings hinsichtlich ihrer Ausbildung, ihrer berufsrechtlichen Stellung und der Möglichkeiten, bestimmte medizinische Maßnahmen oder Arzneimittel einzusetzen.
Der Begriff „Neuraltherapeut“ allein ist deshalb kein ausreichender Hinweis auf die medizinische Grundqualifikation eines Anbieters.
Bei einem Injektionsverfahren sind insbesondere Kenntnisse der Anatomie, Hygiene, Injektionstechnik, Arzneimittelwirkungen, Gegenanzeigen und der Behandlung möglicher Komplikationen von Bedeutung.
Eine Übersicht von Heilpraktikern, die Neuraltherapie als Methode in ihrem Profil angegeben haben, findet sich in unserem Verzeichnis für Neuraltherapie. Die Angabe einer Methode im Profil ist dabei nicht mit einer Aussage über deren Wirksamkeit oder einer individuellen Behandlungsempfehlung verbunden.
Neuraltherapie und klassische Schmerztherapie sind nicht dasselbe
Neuraltherapie sollte nicht pauschal mit medizinischen Nervenblockaden oder anderen Verfahren der interventionellen Schmerzmedizin gleichgesetzt werden.
Auch wenn dabei jeweils Lokalanästhetika eingesetzt werden können, unterscheiden sich Indikation, Zielsetzung, Injektionsort und zugrunde liegendes Behandlungskonzept. Bei einer Nervenblockade wird die Erregungsleitung eines bestimmten Nervs oder Nervengebiets gezielt und vorübergehend unterbrochen. Die Neuraltherapie umfasst dagegen unterschiedliche lokale, segmentale und – im klassischen Konzept nach Huneke – sogenannte störfeldbezogene Anwendungen.
Der gemeinsame Einsatz eines Lokalanästhetikums macht die Verfahren daher nicht automatisch zu derselben Therapie.
Häufige Fragen zur Neuraltherapie (FAQ)
Was wird bei der Neuraltherapie gespritzt?
Häufig wird Procain verwendet. Auch andere Lokalanästhetika wie Lidocain können zum Einsatz kommen. Welche Substanz verwendet werden darf und medizinisch geeignet ist, muss im konkreten Fall beurteilt werden.
Was bedeutet Quaddeln bei der Neuraltherapie?
Beim Quaddeln werden kleine Mengen eines Mittels oberflächlich in die Haut gespritzt. Dadurch entstehen vorübergehend kleine sicht- oder tastbare Erhebungen, die als Quaddeln bezeichnet werden.
Ist Neuraltherapie dasselbe wie Procaintherapie?
Nicht ganz. Procain wird häufig in der Neuraltherapie eingesetzt, Neuraltherapie bezeichnet jedoch das zugrunde liegende Behandlungskonzept und verschiedene Injektionsverfahren. Nicht jede medizinische Anwendung von Procain ist automatisch Neuraltherapie nach Huneke.
Was ist Störfeldtherapie?
Die Störfeldtherapie beruht auf der Annahme, dass bestimmte Körperbereiche wie Narben oder chronisch veränderte Gewebe Beschwerden an anderen Stellen beeinflussen können. Dieses Konzept gehört zur Neuraltherapie nach Huneke, ist wissenschaftlich aber nicht ausreichend belegt.
Ist Neuraltherapie wissenschaftlich anerkannt?
Die pharmakologische Wirkung verwendeter Lokalanästhetika ist bekannt. Für die weitergehenden Konzepte der Neuraltherapie nach Huneke, insbesondere die Störfeldtheorie und daraus abgeleitete Fernwirkungen, fehlt bislang ein ausreichender Wirksamkeitsnachweis nach den Maßstäben der evidenzbasierten Medizin.
Ist Neuraltherapie gefährlich?
Wie bei anderen Injektionen bestehen Risiken. Oberflächliche Injektionen können beispielsweise Blutergüsse oder lokale Reaktionen verursachen. Je nach Injektionsort und ‑tiefe sind auch ernstere Komplikationen möglich. Hinzu kommen mögliche unerwünschte Wirkungen oder allergische Reaktionen auf das verwendete Arzneimittel.
Wie viele Sitzungen sind bei einer Neuraltherapie notwendig?
Dafür gibt es keine allgemeingültige Zahl. Umfang und Dauer hängen vom jeweiligen Behandlungskonzept und der individuellen Situation ab. Eine festgelegte Anzahl von Sitzungen lässt sich aus der Diagnose allein nicht seriös deriveiren.
Kann Neuraltherapie eine ärztliche Behandlung ersetzen?
Bei behandlungsbedürftigen Erkrankungen oder ungeklärten Beschwerden sollte Neuraltherapie nicht dazu führen, notwendige Diagnostik oder eine medizinisch erforderliche Behandlung zu verzögern oder zu ersetzen.
Fazit
Neuraltherapie ist kein einheitliches Verfahren. Unter dem Begriff werden verschiedene Injektionstechniken zusammengefasst, bei denen meist ein Lokalanästhetikum wie Procain eingesetzt wird.
Ein Teil der beobachteten Effekte lässt sich durch die bekannte Wirkung örtlicher Betäubungsmittel erklären. Die Neuraltherapie nach Huneke verbindet diese Anwendung jedoch mit weitergehenden Vorstellungen über das vegetative Nervensystem, Körpersegmente und sogenannte Störfelder.
Gerade hier ist eine differenzierte Betrachtung wichtig. Zur Neuraltherapie und zur therapeutischen Anwendung niedrig dosierter Lokalanästhetika liegen klinische Untersuchungen vor, darunter auch randomisierte Studien. Bei verschiedenen Schmerzsyndromen wurden positive Ergebnisse berichtet. Die Evidenz ist jedoch heterogen und für viele Einsatzgebiete noch nicht ausreichend, um eine allgemein gesicherte Wirksamkeit anzunehmen. Das historische Störfeldmodell nach Huneke ist zudem nicht gleichzusetzen mit den pharmakologisch bekannten Wirkungen von Lokalanästhetika oder den Ergebnissen klinischer Injektionsstudien.
Wer sich über Neuraltherapie informiert, sollte deshalb sowohl mögliche Anwendungen als auch Grenzen, Risiken und den Stand der wissenschaftlichen Evidenz berücksichtigen.